TEDDYS kreativ

2017-02-19 15:31:42

Roosevelt und Goldlöckchen

Ausgabe 02/17

Der erste Teddy-Film der Geschichte

Teddybären in Film und Fernsehen sind heute keine Seltenheit. So wurden die Geschichten von Winnie Pooh und Paddington verfilmt und im Film „Ted“ darf ein solcher Plüschgeselle sogar ein ganz schön lasterhaftes Leben führen. Der erste Film dieser Art wurde vor 110 Jahren produziert und trug den Namen „The ‚Teddy‘ Bears“.

Mit nicht ganz uneigennütziger ausdrücklicher Unterstützung Theodore Roosevelts wurde 1907 der Stummfilm „The ‚Teddy‘ ­Bears“ mit einer Länge von dreizehn Minuten von der Thomas-A.-Edison-Company produziert; Edwin S. Porter und Wallace McCutcheon setzten die Idee um. Edison hatte die seit 1906 wöchentlich im „Judge Magazine“ erscheinende erste Teddy-Comic-Serie „Little Johnny and the Teddy Bears“ lieben gelernt. Genau solche neuartigen Figuren, wie diese von John Randolph Bray gezeichneten Teddybären wollte er in seinem neuen Film verwenden. Aber er zeichnete nicht, er ließ die Teddybären persönlich auftreten. Der Film verbindet das bekannte Märchen von „Goldilocks and the Three Bears“, „Goldlöckchen und die drei Bären“ mit der legendären Jagdgeschichte Teddy Roosevelts, in der dieser ein Bärenjunges verschont. Die drei Bären – Vater-, Mutter- und Babybär – werden von kostümierten Schauspielern dargestellt. Eine separate Szene hingegen ist sensationell, in ihr erwecken die Regisseure wirkliche Plüschbären zum Leben. Der erste Puppentrickfilm der Weltgeschichte war geboren.

Die Handlung

In das Haus von Familie Bär dringt in deren Abwesenheit ein kleines Mädchen ein, isst das bereitstehende Essen, macht sich lustig über die Familienfotos der Bären an der Wand und schaut durch ein Astloch in einen verschlossenen Raum. Entzückt entdeckt sie dort sechs in einer Reihe stehende Plüschteddys. Die Teddybären scheinen zu wissen, dass sie beobachtet werden, schauen sie doch geradewegs von der anderen Seite in das Guckloch hinein und beginnen in genau diesem Moment eine synchrone akrobatische Tanzvorstellung. Diese wunderschöne Filmszene wirkt völlig surreal und losgelöst von der eigentlichen Geschichte.

Weder braucht sie die restliche Geschichte, noch verliert die Filmhandlung ohne sie ihren Sinn. Die amüsante Animation von anderthalb Minuten Länge ist in ihrer Zeit außergewöhnlich aufwändig und mit großer Sorgfalt produziert. Edwin Porter brauchte allein dafür eine ganze Woche; Fünfzehn-Minuten-Filmchen waren sonst in zwei Tagen fertig. Die Animation wird noch komplexer, indem sie mit einem separat fotografierten Bild vom Astloch kombiniert ist, und wird so zu einem wichtigen Stückchen Filmgeschichte.

Das Mädchen versucht nun, in den Raum einzubrechen. Als sie das nicht schafft, geht sie ins Schlafzimmer, zerwühlt die drei Betten und kuschelt sich schließlich in Babybärs Bett. Fest drückt sie dabei Babybärs großen Plüschteddy an sich. Inzwischen ist die Bärenfamilie heimgekommen. Nicht nur, dass sein Teller leer gegessen wurde, Babybär entdeckt auch das Menschenmädchen in seinem Bettchen. Daraufhin flüchtet das Mädchen mitsamt dem Teddy durch das Fenster und wird von der Bärenfamilie durch den Wald gejagt.

Blutiges Finale

Nach einer Verfolgungsjagd trifft es in höchster Not auf einen Jäger mit Gewehr – Roosevelt höchst selbst im gewohnten Jagdanzug. Sie versteckt sich hinter seinem Rücken. Heldenhaft erschießt er nacheinander Papa- und Mamabär, obwohl ihre menschliche Kleidung mit Hut, Schürze, Brille und Gehstock sie als zivilisiert ausweisen. Die gewalttätigen Todesfälle kommen wie ein Schock nach den friedlichen häuslichen Szenen.

Als Roosevelt auch gegen Babybär das Gewehr erhebt, fällt das Mädchen ihm in den Arm und verhindert großmütig den Schuss. Babybär fällt auf die Knie und fleht um sein Leben – mit Erfolg. Schließlich wird er an die Leine genommen und damit zum Leben in Gefangenschaft verurteilt. Mit einem Seil um den Hals führen die beiden Menschen den verwaisten kleinen Bären vorbei an seinen toten Eltern zurück in sein Haus. Die Schluss-Szene zeigt, wie das fröhlich hüpfende Mädchen neben dem Jäger aus dem Haus kommt, beide sind beladen mit den vielen gestohlenen Plüschbären aus der Tanzszene. Der kleine traurige Babybär wird hoffnungslos am Halsseil mitgeführt.

Kritik

Dieser Stummfilm ist eine bizarre Mischung aus charmantem Märchen, politischer Satire und versiertem Puppentrickfilm. Anders als in der wirklichen Geschichte von Theodore Roosevelt, der ein Bärenkind verschont, ist es das Märchenkind Goldilocks, das sich für Babybär einsetzt. Sie ist es also, die damit das Bärenkind rettet, es war nicht die Idee des Jägers. Die Kritik an dem Jäger geht noch weiter: Er hilft dem Kind, das Haus zu plündern und die Teddys zu stehlen und schleppt die lebende Trophäe an einem Seil nach Hause. Das ist schon mehr als nur Satire.

Filmkritiker lobten die akrobatischen Kapriolen der Animation, aber prophezeiten, dass die Kinder gegen das Ende rebellieren würden. Die komödiantische Verfolgungsjagd mit Außenaufnahmen im Schnee mit den domestizierten Bären konnte den falschen Geschmack des Bildes vom vorsätzlichen Mord nicht auslöschen. Interessant aber bleibt die überzeugende und einmalige Mischung verschiedener Genres in einem derart kurzen Film, eine seltsame Verbindung aus Märchen, Marketing und Politik.

Im Jahr 1907 war der Teddybär-Hype auf seinem Höhepunkt. Teddybären waren in Mode und heiß begehrt, und der Film wurde ein geschicktes Marketingmittel, der auch in den New ­Yorker Kaufhäusern lange gezeigt wurde. Nicht nur die Tanzszene der sechs Teddybären veranschaulicht die neue Mode, sowohl Babybär als auch Goldlöckchen sind selten ohne einen großen Teddybären aus Plüsch dargestellt. Kein Wunder, dass der Film werbewirksam war und die Verkaufszahlen der Teddys steigern sollte. Und obwohl seine satirische Seite heute schwierig nachzuvollziehen ist, bezeichnete der Film schlussendlich Präsident Roosevelt als gut, als Retter des Bärenkindes. Auch das war Sinn und Ziel dieses kleinen Kunstwerkes, ganz im Sinne des Präsidenten.

URL:
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TEXT
Barbara Eggers

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